Der Schweizer Heimatschutz (SHS) zeichnet Fläsch mit dem Wakkerpreis 2010 aus. Das Weinbaudorf im Rheintal erhält die diesjährige Auszeichnung für seine innovative Ortsplanung. Dank Landumlegungen konnten die charakteristischen Wein- und Obstgärten im Dorfkern erhalten werden ohne die bauliche Weiterentwicklung zu verhindern. Zudem fördert die Gemeinde aktiv gute zeitgenössische Architektur, indem sie berät und mit gutem Beispiel voran geht. Die gelungenen Neubauten stärken das Ortsbild. Die offizielle Preisübergabe findet am 19. Juni 2010 im Rahmen einer öffentlichen Feier statt.
Das Weinbaudorf Fläsch im Churer Rheintal mit seinem Ortsbild von nationaler Bedeutung (ISOS national) steht durch die Nähe zur Autobahn unter grossem Siedlungsdruck. Um der schleichenden Verstädterung und der baulichen Banalisierung der Agglomeration zu begegnen, beschloss der Gemeindevorstand Fläsch eine tiefgreifende Revision der bestehenden Ortsplanung aus den 90er Jahren. Daraufhin erliessen die Behörden einen Planungs- und Baustopp, um eine grundsätzliche Neuorientierung zu ermöglichen.
Ein Leitbild wurde erarbeitet und legte die Identität Fläschs als “Schmuckstück der Bündner Herrschaft” fest. Die weitgehend intakte Dorfstruktur und die charakteristischen Obst- und Weingärten, die weit in den Dorfkern reichen, sollen vor Überbauungen geschützt werden. Die zu erhaltenden Flächen wurden ausgezont und gingen teilweise in Gemeindeeigentum über. Die Eigentümer erhielten dank Landumlegung Realersatz an anderer Stelle. Am Ost- und Westrand des Dorfes werden Bauzonen mit höherer Überbauungsziffer definiert. Dies erlaubt ein kontrolliertes Wachstum und das einmalige Ortsbild bleibt erhalten. Die Verdichtung findet also in diesem speziellen Fall am Rande von Fläsch satt und nicht im Kern wie üblich. Die Ortsplanungsrevision wurde Ende 2008 von der Bevölkerung angenommen. Dieses gezielte Umzonen zugunsten einer qualitätsvollen Entwicklung des Ortsbildes ist für die Schweiz einmalig.
Die Gemeinde Fläsch setzt sich zudem dafür ein, dass Neubauten von guter architektonischer Qualität sind. Beim Baubewilligungsverfahren setzt sie vermehrt auf Beratung und Anreize. Mit dem Schulhaus des Architekten Pablo Horváth ist sie schon 1999 mit gutem Beispiel vorangegangen. Das Wohnhaus Meuli des Architekturbüros Bearth & Deplazes, die “Casascura”, ein Haus von Architekt Kurt Hauenstein oder das Weingut Gantenbein, ebenfalls von Bearth & Deplazes, zeugen von hohen Ansprüchen auch bei privaten Bauherrschaften.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die pionierhafte Zusammenarbeit der Gemeinde mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur. Unter der Leitung von Christian Wagner, Professor an der HTW und Bauberater der Gemeinde Fläsch, wurde die Revision der Ortsplanung und des Baugesetzes als Forschungsprojekt erarbeitet und begleitet. Die Studierenden haben sich ebenfalls mit der Problematik der zahlreichen leerstehenden Ställe auseinandergesetzt. Ob erhalten, umbauen oder ersetzen: es muss sorgfältig mit diesen Ställe umgegangen werden, denn sie sind ein wichtiger Bestandteil des Dorfcharakters. Dazu regte die HTW sie die Gründung eines Vereins “Pro Fläsch” an, mit dem Ziel, neue Nutzungsmöglichkeiten für die Ställe zu finden.
Heute zählt die Gemeinde Fläsch 600 Einwohner und 22 Weinproduzenten, die Beachtung über die Landesgrenzen hinaus geniessen. Mit dem Wakkerpreis 2010 unterstützt und stärkt der Schweizer Heimatschutz die Gemeinde Fläsch auf dem eingeschlagenen Weg. Raumplanung ist nicht einfach als Anordnung von Nutzflächen zu verstehen, sondern als Gestaltungsprojekt, um landschaftliche, räumliche und bauliche Qualitäten einer Ortschaft lenken zu können. Nach Guarda (1975), Splügen (1995) und Vrin (1998), ist Fläsch die vierte Gemeinde im Kanton Graubünden, die mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet wird.
Über den Wakkerpreis
Der Schweizer Heimatschutz (SHS) vergibt jährlich einer politischen Gemeinde den Wakkerpreis. Das Preisgeld hat mit CHF 20’000.- eher symbolischen Charakter, der Wert der Auszeichnung liegt in der öffentlichen Anerkennung vorbildlicher Leistung.
Erstmals ermöglicht wurde der Wakkerpreis 1972 durch ein Vermächtnis des Genfer Geschäftsmannes Henri-Louis Wakker an den Schweizer Heimatschutz. Weitere seither eingegangene Legate erlauben es dem SHS, den Preis bis heute vergeben zu können.
Der Wakkerpreis zeichnet Gemeinden aus, welche bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung besondere Leistungen vorzeigen können. Die Auszeichnung von Stein am Rhein, Guarda, Ernen etc. in den 1970er Jahren erfolgte vor dem Hintergrund, dass die Erhaltung historischer Zentren nicht selbstverständlich war. Im heutigen Fokus stehen Gemeinden, die ihren Siedlungsraum unter zeitgenössischen Gesichtspunkten sorgfältig weiterentwickeln. Hierzu gehören insbesondere das Fördern gestalterischer Qualität bei Neubauten, ein respektvoller Umgang mit der historischen Bausubstanz sowie eine vorbildliche, aktuelle Ortsplanung.
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