Das Aus der Netzneutralität?

Das Zwei-Klassen-Internet könnte schon bald Realität werden. Und damit ein Ende der Gleichberechtigung im Netz nahen. Google steht für eine privilegierte Behandlung mit dem Infrastrukturkonzern Verizon offenbar vor einem Abschluss.

Wie die «New York Times» berichtet, steht der Internet-Gigant Google in Verhandlungen mit dem Telekommunikations- und Infrastruktur-Riesen Verizon. Offenbar möchte Google als erstes wichtiges Internet-Unternehmen einen Deal eingehen, welcher gegen Bezahlung eine privilegierte Behandlung der Daten von Google ermöglicht und somit die bisher gültige Gleichberechtigung aller Daten im Netz in Frage stellt. Ein Abschluss ist gemäss «New York Times» in Sichtweite.

Die Internet-Service-Anbieter wehren sich schon länger gegen die Gleichbehandlung aller «Daten-Lieferanten», da diese Netzneutralität lukrative Einnahmen verunmöglicht. Einnahmen, welche gemäss den Netzbetreibern dringend für Ausbau der Leistungsfähigkeit des Internet benötigt werden.

Google kommentiert den Bericht der «New York Times» nicht. Sollte an der Geschichte jedoch etwas wahres sein, so könnten beispielsweise Videos von YouTube, dem Filmportal von Google, privilegiert, also schneller übertragen werden als solche der Konkurrenz. Dies wiederum verschafft YouTube einen Wettbewerbs-Vorteil.

Interessant und gleichzeitig beängstigend ist die Tatsache, dass Google und Verizon unlängst gegenteilige Positionen vertraten. Während Verizon Firmen mit höherem Datenaufkommen schon länger zur Kasse bitten möchte, hatte Google wenig Interessen, für das Bereitstellen seiner Dienste zu bezahlen.

Nun scheint sich das Blatt also gewendet zu haben. Verizon und Google hatten Gespräche mit der amerikanischen Regulierungsbehörde FCC geführt. Diese versuchte bei sieben Treffen mit den ganz Grossen der Branche hinter verschlossenen Türen, einen Konsens zur Netzneutralität zu erzielen. US-Präsident Barack Obama hatte sich noch im Herbst 2009 ausdrücklich zum Grundprinzip der Netzneutralität bekannt. Im April 2010 schränkte jedoch ein Bundesgericht die Kompetenzen der FCC deutlich ein. Der US-Cable-Provider Comcast, einer der weltweit grössten Kommunikationsfirmen, setzte in einem Berufungsverfahren durch, seinen Kunden den Datendurchsatz von sogenannten BitTorrent-Dateien zu drosseln, da diese meist für den Vertrieb von Raubkopien verwendet werden.

Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, so würde das unweigerlich zu einer ungleichen, monetär gesteuerten Verteilung der Internet-Ressourcen führen. Viele kleine Anbieter sowie nicht-kommerzielle Projekte hätten keinen Platz mehr im Markt der Global Player oder könnten ihre Angebote nur noch mit verminderter Performance anbieten. Netzneutralitäts-Aktivist Gigi Sohn von Public Knowledge meint dazu: «Das Schicksal des Internet ist zu gross, um es den Verhandlungen zweier Unternehmen zu überlassen». Barack Obama hatte einst für Netzneutralität plädiert, erhielt aber einen Schuss vor den Bug, welchen es ihm schwer macht, sein Wahlversprechen einzulösen. Das Aus der Netzneutralität droht unmittelbar bevorzustehen. Und somit gilt dann die Maxime einer Bevorzugung zahlender Kunden.

Für die Nutzer des Internet könnte das Aus der Netzneutralität eine Verschiebung hin zu Bezahldiensten bedeuten. Wie beim analogen und digitalen Fernsehen könnte sich das Internet in ein Zweiklassen-Netz aus schnellen und langsamen Diensten entwickeln, welches allein von der Finanzkraft der Anbieter gesteuert würde. YouTube wirds freuen, Angebote wie die Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia würden es künftig jedoch schwerer haben.

Pat Müller – patmueller.ch

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